Die Österreichische Tageszeitung „Der Standard“ widmet eine ganze Beilage der besonderen Bedeutung unserer Teichlandschaften. In einer Zeit, in der sich Teichwirte dafür rechtfertigen müssen, hochwertigste Beiträge zum Naturschutz mit ihrer Fischzucht zu leisten, gibt es wenige, aber sehr beachtenwerte Beispiele hervorragender Presserarbeit.

Teichwirtschaft Kainz

Der Jägerteich in Waidhofen an der Thaya ist einer der ältesten Karpfenteiche im
Waldviertel. Um die 50 Vogelarten haben sich in seiner Umgebung angesiedelt.
Das trübe Teichwasser gibt seine Bewohner nicht preis. Wenn man das Bein
knietief ins Wasser steckt, ist der eigene Fuß schon nicht mehr zu sehen. So
kommt man zumindest weniger in Versuchung, hier Abkühlung an einem heißen
Sommertag zu suchen. Dafür ist dieses Gewässer auch gar nicht gedacht: Es ist
das Reich der Waldviertler Karpfen.
Martin Kainz steht neben einem alten Ruderboot am Ufer des Jägerteichs in
Waidhofen an der Thaya im nördlichen Niederösterreich. Rund 1700 Teiche sind
im Waldviertel zu finden, doch der Jägerteich ist besonders: Vor 800 Jahren
angelegt, zählt er zu den ältesten Teichen der Region, mit einer Fläche von 40
Hektar hat er auch eine beachtliche Größe. Und er ist ausnehmend schön.
NACHHALTIGE ZUKUNFT
Wie Karpfenteiche die Welt besser machen können
Seit Jahrhunderten werden im Waldviertel Fische gezüchtet – mit überraschend
positiven Folgen für Mensch, Klima und Umwelt
REPORTAGE 26. August 2020, Tanja Traxler

Komplizierte Probleme, einfache Antworten
Das ist aber nicht der Grund, der Martin Kainz heute an den Jägerteich führt. Im
Kleinen geht es darum, das Insektenaufkommen in diesem Biotop zu messen.
Das Leben im und um den Karpfenteich berührt aber auch ganz große Themen:
Klimawandel und Artensterben, unsere Lebensweisen, Wirtschaftssysteme und
sogar die Corona-Krise.
Die Fragen, die dabei verhandelt werden, sind vielgestaltig: Wie können wir die
Erderwärmung auf ein verträgliches Ausmaß begrenzen und trotzdem die
Ernährung der Weltbevölkerung sicherstellen? Lässt sich die Biodiversität
bewahren? Wie lassen sich künftige Pandemien vermeiden? Die
Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind komplex, doch manchmal können
die Antworten überraschend einfach sein. Wie ein trüber Teich im Waldviertel und
eine mit ihm verbundene jahrhundertealte Kulturtradition.
Fressen und gefressen werden
Martin Kainz ist Wasserforscher und Ökologe, sein Spezialgebiet wird in der
Fachwelt aquatische Nahrungsketten genannt. Salopp könnte man es als
„Fressen und Gefressenwerden im Wasser“ bezeichnen. Es geht darum, wovon
sich die unterschiedlichen im Wasser lebenden Spezies ernähren und welchen
Arten sie wiederum als Nahrung dienen. Viele der Fress-Ketten, die Kainz
betrachtet, haben denselben Endpunkt: Tiere aus Flüssen, Seen und Meeren
waren von jeher eine wichtige Nahrungsquelle für die Menschen.
Die Karpfenzucht hat im nördlichen Niederösterreich eine lange Tradition. Bereits
im 13. Jahrhundert wurden erste Teiche im nördlichen Weinviertel angelegt,
schon bald auch im Waldviertel. Über die Jahrhunderte hat die Karpfenzuchteinige Höhenflüge und Talfahrten erlebt. Eine frühe Expansionsphase erfuhr die
Teichwirtschaft im 15. Jahrhundert – den Geboten der Kirche, die Fisch als
Fastenspeise einstuften, sei Dank.
Auf und Ab der Teichwirtschaft
Überdimensionierte und fehlgeplante Teiche sowie die Aufhebung des
Fastengebots führten im 16. und 17. Jahrhundert zu einem Einbruch der
Fischzucht. Nach langem Auf und Ab erlebte die Teichwirtschaft in Österreich
nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen Aufschwung. Aufgrund allgemeiner
Lebensmittelknappheit, insbesondere von Fleisch, wurden ab den 1950er-Jahren
zahlreiche Karpfenteiche im Waldviertel errichtet.
Aus jener Zeit stammen wohl auch kulinarische Traumata, durch die dem einst
obligatorischen Weihnachtskarpfen bis heute ein modriger Geschmack
zugeschrieben wird. Während die Fische damals nur ein paar Tage lang in der
Badewanne vor Heiligabend plantschten, verbringen Karpfen heutzutage ihre
letzten Wochen in Frischwasserbecken, wodurch sie ihren schlammigen
Geschmack völlig verlieren. Richtig filetiert, ist der Karpfen zudem beinahe
grätenfrei.


Trotz seiner nachhaltigen Produktion zählt der Karpfen bei weitem nicht zu den
beliebtesten Speisefischen in Österreich.
Fisch mit Imageproblem
Nichtsdestoweniger hat der Speisefisch ein gewisses Imageproblem und kommt
hierzulande weniger häufig auf dem Teller als seine maritimen Verwandten. Rund
95 Prozent der in Österreich verzehrten Fische werden aus dem Ausland
importiert, darunter Dorsch, Seelachs, Scholle oder Lachs. Nur fünf Prozent des
heimischen Fischbedarfs werden durch österreichische Fische abgedeckt. Die
aktuellsten Zahlen zur österreichischen Fischproduktion der Statistik Austria
stammen aus dem Jahr 2018. In diesem Jahr wurden rund 4000 Tonnen
Speisefisch in Österreich produziert. Mit rund 650 Tonnen lag der Karpfen auf
Platz drei hinter Forelle und Saibling.
Für eine ausgewogene Ernährung ist eine Mindestration von in Fischen
enthaltenen Omega-3-Fettsäuren unverzichtbar. Die beinahe CO2-freie Züchtung
in den Waldviertler Karpfenteichen machen den Karpfen für Kainz zum „Fisch der
Zukunft“. Denn er ernährt sich vorwiegend von Zooplankton, das natürlicherweise
in den Teichen vorhanden ist. „Der Karpfen ist ein Naturfisch, er frisst einfach das,
was da ist“, sagt Kainz. Daher sei es auch nicht notwendig, Düngemittel,
Pestizide, Herbizide oder Medikamente einzusetzen, wie bei der
Nahrungsmittelproduktion in der herkömmlichen Landwirtschaft oder in vielen
Aquakulturen. Das Getreide, das zugefüttert wird, kann lokal hergestellt werden.
Außerdem lässt sich die Karpfenzucht in vielen Regionen durchführen – nahe am
Verbrauer mit geringen Transportwegen.
Weitverzweigte Teichlandschaft
Die nachhaltige Produktion von hochwertigen Lebensmitteln ist für sich
genommen schon eine beachtliche Leistung für eine jahrhundertealte
Kulturtradition. Noch erstaunlicher ist, dass der Nutzen der Fischteiche noch viel
weitreichender ist. Die weitverzweigte Waldviertler Teichlandschaft liefert
essenzielle Beiträge zur Biodiversität.
Im Vorjahr warnte der Weltrat für Biodiversität, dass rund eine Million Arten
weltweit vom Aussterben bedroht sind. In Österreich steht jede dritte Tier- und
Pflanzenart auf der Roten Liste, insbesondere bei Insekten war in den
vergangenen Jahren ein rapider Rückgang zu bemerken. Wie die Summ-, Surrund
Brummkulisse von Teichen verrät, sind sie eine üppige Brutstätte für
Insekten. Wie viele Insekten genau welcher Teich hervorbringt, untersucht Martin
Kainz in einem aktuell laufenden Forschungsprojekt. Beteiligt am Projekt Aquaterr
sind die Universität Konstanz und das Forschungszentrum Wasser-Cluster Lunz,
an dem Kainz tätig ist. Das Zentrum wird in Kooperation der Donau-Universität
Krems, der Universität Wien und der Universität für Bodenkultur Wien geführt und
von Land Niederösterreich und Stadt Wien gefördert. Finanziert wird das Projekt
Wie Karpfenteiche die Welt besser machen können – Forschung Spezial – derStandard… Page 4
vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und der Deutschen
Forschungsgemeinschaft DFG.
Jeder Teich ist anders
Die Foscher wollen herausfinden, wie viele Insekten unterschiedliche Teiche
hervorbringen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Temperatur? Höhe?
Nahrungsangebot? Um das zu untersuchen, haben Kainz und Kollegen neun
Teiche ausgewählt, die sich in diesen Faktoren voneinander unterscheiden. An
jedem dieser Teiche wurden drei Insektenfallen aufgestellt. Selbst an einem
großen Teich wie dem Jägerteich kann man die kleinen weißen Zelte, die auf
Schwimmkörpern an verschiedenen Stellen im Teich befestigt sind, gut vom Ufer
aus erkennen. Zweimal pro Woche entleeren Kainz’ Mitarbeiterinnen Margaux
Mathieu-Resuge und Lena Fehlinger die Fallen. „Wir haben hier ein natürliches
Forschungslabor“, sagt Kainz, „jeder Teich ist anders.“ Die Insekten werden
anschließend gewogen, gefriergetrocknet und biochemisch analysiert. Zusätzlich
steht zweimal pro Woche ein allgemeiner Befindlichkeitscheck der Teiche auf
dem Programm: Wie hoch ist ihre Temperatur? Wie steht es um den Sauerstoffund
Chlorophyllgehalt?
Wie die ersten Ergebnisse zeigen, bringt der Jägerteich ganze 15 Kilogramm an
Insekten pro Tag hervor. Wenn man davon ausgeht, dass Insekten zu rund zehn
Prozent aus Fett bestehen, sind das 1,5 Kilogramm an Fett täglich – ein wichtiger
Energielieferant für andere Tiere wie Vögel oder Spinnen.
Forensischer Nachweis
Schließlich geht es darum zu zeigen, dass die Insekten der Teiche entscheidend
zur Biodiversität im Umland beitragen. Diese Vermutung ist zwar naheliegend,
aber den Nachweis zu erbringen ist keine einfache Aufgabe. „Ich kann einen
Vogel ja nicht fragen, ob er tatsächlich Insekten vom See gefressen hat und keine
terrestrischen Insekten“, sagt Kainz.
Die Forscher bedienen sich daher einer beliebten Methode in der Ökologie:
Isotopenuntersuchungen. Das sind Atomarten, die mehr Neutronen im Kern
besitzen. Das Wasserstoffisotop Deuterium entsteht natürlich und ist etwa im
Niederschlag zu finden – an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher
Häufigkeit. Genau diese Eigenschaft machen sich die Forscher für ihren
forensischen Insektennachweis zunutze: Sie analysieren beispielsweise die

Fettsäuren in Vogeleiern. Chemisch gesehen sind Fettsäuren Verbindungen von
Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen. Je nach Ursprungsort sind unterschiedlich
viele Deuterium-Isotopen in Fettsäuren zu finden. Wenn essenzielle Fettsäuren
gebildet werden, bleibt deren Isotopenverhältnis des Wasserstoffs bestehen und
dient somit als Herkunftsnachweis.
Ein Teich, 50 Vogelarten
Da der Niederschlag beispielsweise in Zwettl ein anderes Deuterium-Verhältnis
aufweist als etwa in Waidhofen an der Thaya, können die Forscher daraus
Rückschlüsse ziehen, aus welchem Teich die Fettsäuren ursprünglich stammen.
Das biochemische Labor in Lunz am See ist das erste der Welt, dem es gelungen
ist, Deuterium in Fettsäuren nachzuweisen. So lässt sich etwa an Vögeln oder
Spinnen zurückverfolgen, ob sich die Insekten, die sie gefressen haben, von
Algen oder Bakterien ernährt haben und auch woher die Insekten stammten.
Noch ist offen, in welchen anderen Forschungsbereichen die revolutionäre
Methode ebenfalls eingesetzt werden kann, das Potenzial scheint aber groß.
„Vielleicht können wir das einmal in der Medizin nutzen“, sagt Kainz.
Allein am Jägerteich sind rund 50 verschiedene Vogelarten bekannt, darunter der
seltene Pirol, das Blesshuhn oder der Rohrsänger – die meisten von ihnen
fressen aber keine Fische, sondern interessieren sich nur für die hier ansässigen
Insekten. „Diese Vögel würde es hier nicht geben, wenn es den Teich nicht geben
würde“, sagt Kainz. Genau darin liegt auch ein weiterer großer Mehrwert der
Waldviertler Karpfenteiche, der in der Fachwelt als Ökosystemleistungen
bezeichnet wird. Gemeint sind Vorteile, die den Menschen aus Ökosystemen
erwachsen. Ein Beispiel dafür ist die Bestäubung von Obstbäumen durch
Insekten – wenn ausreichend Insekten vorhanden sind, übernehmen diese die
Bestäubung zuverlässig und kostenlos. „Was nicht gratis ist, ist der Schutz: Wir
müssen auf diese Teiche aufpassen.“

Blässhühner zählen zu den zahlreichen Vogelarten, die am Jägerteich zu finden
sind.
Bilanz zum Abfischfest
Ökosystemleistungen und Artenvielfalt sind stark miteinander verbunden. Sinkt
die Artenvielfalt, nehmen auch die Ökosystemleistungen ab. Jeder einzelne der
1700 Waldviertler Teiche leistet einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der
Biodiversität – die kleinen Hausteiche ebenso wie die großen Fischteiche. Was im
Waldviertel als Besonderheit dazukommt, ist die geografische Verteilung der
Gewässer. „Wenn es nur ein paar Hotspots der Artenvielfalt gibt, hat man an ein
paar Stellen Biodiversität und nirgendwo sonst. Im Waldviertel gibt es diese
Teiche sehr weitläufig, wodurch breitflächig eine hohe Biodiversität sichergestellt
werden kann“, sagt Kainz.
Beim Abfischfest am 24. Oktober wird das Wasser des Teichs großteils
abgelassen – alle Fische sind dann an der tiefsten Stelle versammelt. Sie werden
händisch sortiert und, haben sie das ausreichende Mindestgewicht, was nach
etwa drei Jahren der Fall ist, erreicht, in Frischwasserbottiche umquartiert. Die
kleineren Karpfen werden überwintert. Auch für die Forscher ist es dann Zeit,
Bilanz zu ziehen und zu eruieren, wie viel Kilogramm Karpfen je Teich über den
Sommer produziert worden sind. „Am Ende des Jahres können wir
unterschiedliche Teiche vergleichen und feststellen, warum der eine mehr
Insekten und ein anderer mehr Karpfen produziert hat. Wir können dann auch
Empfehlungen formulieren, wie Karpfenteiche beschaffen sein sollten, um einen
optimalen Beitrag zur Biodiversität zu leisten“, sagt Kainz.

Labor in der Scheune
Vor 13 Jahren kam Kainz zum ersten Mal für ein Forschungsprojekt zum
Waidhofener Jägerteich. Die Karpfenzucht wird von einer Familie geführt, die
ebenfalls Kainz heißt, die Namensgleichheit ist aber Zufall. Damals hat Martin
Kainz nach einem langen Aufenthalt in Kanada gerade erst wieder in der
Forschung in Österreich Fuß gefasst. Verunreinigungen in Teichen und Fischen
waren damals das Thema. Die Antwort auf die Frage, ob Quecksilber in
Waldviertler Karpfen zu finden ist, war rasch gefunden: Nein. Seither haben Kainz
viele Projekte an den Jägerteich geführt.
In einer Scheune oberhalb des Teiches haben er und seine Kollegen ein kleines
Labor eingerichtet, in einem Unterstand sind Bauteile für die Insektenfallen und
andere Gerätschaften gelagert. „An Orten wie diesem werden seit 800 Jahren
Kulturwerte praktiziert, die es uns ermöglichen, einen Beitrag für die Biodiversität
zu leisten und gleichzeitig nachhaltig Nahrungsmittel herzustellen“, sagt Kainz.
„Genau diese Werte sollten wir uns in Erinnerung rufen, wenn es um die großen
Herausforderungen der Gegenwart geht.“
Natürliches Sicherheitsnetz
Auch angesichts der Corona-Pandemie hat sich für Kainz gezeigt: „Je höher die
Biodiversität ist, desto stärker ist das Sicherheitsnetz – für den Menschen und für
die Natur.“ Wissenschafter gehen davon aus, dass der Verlust von Biodiversität
die Entstehung von Infektionskrankheiten wahrscheinlicher macht. Rund 30
Prozent dieser Erkrankungen gehen nach Schätzungen auf menschliche Eingriffe
in Ökosysteme wie die Abholzung von Regenwald zurück. Das Lehrbuchbeispiel
dafür ist die Lyme-Borreliose. Wie Wissenschafter zeigen konnten, war es die
Abholzung und Fragmentierung von Wäldern an der US-Ostküste, die dazu
führte, dass sich kleine Nagetiere mangels Fressfeinden verstärkt ausbreiten
konnten. Diese fungierten als Wirte der Lyme-Erreger, die über Zecken auf
Menschen übertragen werden. Ein weiteres gut dokumentiertes Beispiel ist die
Zunahme von Malaria um knapp 50 Prozent durch die Abholzung des Amazonas-
Regenwalds.
Der Mensch ist aber nicht nur Homo oecologicus, er sehnt sich auch nach
Schönheit und sinnlichem Genuss. Die Bedeutung von Karpfenteichen beschränkt
sich für Martin Kainz daher nicht nur auf die Abdeckung von Grundbedürfnissen.

Es ist gleichsam Nahrung für die Seele, beobachten zu können, wie sich
Blauflügel-Prachtlibellen zwischen Schilfhalmen über die Wasseroberfläche
tummeln, wie Schnatterenten vergnügt am Ufer baden oder ein Silberreiher mit
wenigen Flügelschlägen eine Teichbreite überquert. „International gesehen ist der
Jägerteich natürlich irrelevant“, sagt Kainz. „Es ist aber für alle wichtig zu sehen,
was man mit solchen Teichen machen kann. Sie alle wurden künstlich angelegt
und sind ein Musterbeispiel dafür, dass menschliche Eingriffe der Natur und den
Ökosystemen auch zugutekommen können – und damit auch uns selbst.“ (Tanja
Traxler, 26.8.2020)
Veranstaltung: Der Wasserforscher Martin Kainz spricht am Freitag bei den
Technologiegesprächen des Europäischen Forums Alpbach, die vom Austrian
Institute of Technology und Ö1 in Kooperation mit dem Wissenschafts-, dem
Digitalisierungs- und dem Klimaschutzministerium organisiert werden.
Links:
• Website WasserCluster Lunz [http://www.wasserkluster-lunz.ac.at/index.php/en/]
• Website Europäisches Forum Alpbach [https://2020.alpbach.org/]
• Website Waldviertler Abfischfest [http://www.abfischfest.at/]

 

 

 

 

 

NACHHALTIGE ZUKUNFT

Wie Karpfenteiche die Welt besser machen können

Seit Jahrhunderten werden im Waldviertel Fische gezüchtet – mit überraschend positiven Folgen für Mensch, Klima und Umwelt

 

REPORTAGE

Tanja Traxler

  1. August 2020, 06:00 225 Postings

 

 

 

 

Der Jägerteich in Waidhofen an der Thaya ist einer der ältesten Karpfenteiche im Waldviertel. Um die 50 Vogelarten haben sich in seiner Umgebung angesiedelt.

 

Das trübe Teichwasser gibt seine Bewohner nicht preis. Wenn man das Bein knietief ins Wasser steckt, ist der eigene Fuß schon nicht mehr zu sehen. So kommt man zumindest weniger in Versuchung, hier Abkühlung an einem heißen Sommertag zu suchen. Dafür ist dieses Gewässer auch gar nicht gedacht: Es ist das Reich der Waldviertler Karpfen.

 

Martin Kainz steht neben einem alten Ruderboot am Ufer des Jägerteichs in Waidhofen an der Thaya im nördlichen Niederösterreich. Rund 1700 Teiche sind im Waldviertel zu finden, doch der Jägerteich ist besonders: Vor 800 Jahren angelegt, zählt er zu den ältesten Teichen der Region, mit einer Fläche von 40 Hektar hat er auch eine beachtliche Größe. Und er ist ausnehmend schö

 

 

Komplizierte Probleme, einfache Antworten

 

Das ist aber nicht der Grund, der Martin Kainz heute an den Jägerteich führt. Im Kleinen geht es darum, das Insektenaufkommen in diesem Biotop zu messen. Das Leben im und um den Karpfenteich berührt aber auch ganz große Themen: Klimawandel und Artensterben, unsere Lebensweisen, Wirtschaftssysteme und sogar die Corona-Krise.

 

Die Fragen, die dabei verhandelt werden, sind vielgestaltig: Wie können wir die Erderwärmung auf ein verträgliches Ausmaß begrenzen und trotzdem die Ernährung der Weltbevölkerung sicherstellen? Lässt sich die Biodiversität bewahren? Wie lassen sich künftige Pandemien vermeiden? Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind komplex, doch manchmal können die Antworten überraschend einfach sein. Wie ein trüber Teich im Waldviertel und eine mit ihm verbundene jahrhundertealte Kulturtradition.

 

Fressen und gefressen werden

 

Martin Kainz ist Wasserforscher und Ökologe, sein Spezialgebiet wird in der Fachwelt aquatische Nahrungsketten genannt. Salopp könnte man es als „Fressen und Gefressenwerden im Wasser“ bezeichnen. Es geht darum, wovon sich die unterschiedlichen im Wasser lebenden Spezies ernähren und welchen Arten sie wiederum als Nahrung dienen. Viele der Fress-Ketten, die Kainz betrachtet, haben denselben Endpunkt: Tiere aus Flüssen, Seen und Meeren waren von jeher eine wichtige Nahrungsquelle für die Menschen.

 

Die Karpfenzucht hat im nördlichen Niederösterreich eine lange Tradition. Bereits im 13. Jahrhundert wurden erste Teiche im nördlichen Weinviertel angelegt, schon bald auch im Waldviertel. Über die Jahrhunderte hat die Karpfenzucht

 

einige Höhenflüge und Talfahrten erlebt. Eine frühe Expansionsphase erfuhr die Teichwirtschaft im 15. Jahrhundert – den Geboten der Kirche, die Fisch als Fastenspeise einstuften, sei Dank.

 

Auf und Ab der Teichwirtschaft

 

Überdimensionierte und fehlgeplante Teiche sowie die Aufhebung des Fastengebots führten im 16. und 17. Jahrhundert zu einem Einbruch der Fischzucht. Nach langem Auf und Ab erlebte die Teichwirtschaft in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen Aufschwung. Aufgrund allgemeiner Lebensmittelknappheit, insbesondere von Fleisch, wurden ab den 1950er-Jahren zahlreiche Karpfenteiche im Waldviertel errichtet.

 

Aus jener Zeit stammen wohl auch kulinarische Traumata, durch die dem einst obligatorischen Weihnachtskarpfen bis heute ein modriger Geschmack zugeschrieben wird. Während die Fische damals nur ein paar Tage lang in der Badewanne vor Heiligabend plantschten, verbringen Karpfen heutzutage ihre letzten Wochen in Frischwasserbecken, wodurch sie ihren schlammigen Geschmack völlig verlieren. Richtig filetiert, ist der Karpfen zudem beinahe grätenfrei.

Trotz seiner nachhaltigen Produktion zählt der Karpfen bei weitem nicht zu den beliebtesten Speisefischen in Österreich.

 

Fisch mit Imageproblem

 

Nichtsdestoweniger hat der Speisefisch ein gewisses Imageproblem und kommt hierzulande weniger häufig auf dem Teller als seine maritimen Verwandten. Rund 95 Prozent der in Österreich verzehrten Fische werden aus dem Ausland

 

importiert, darunter Dorsch, Seelachs, Scholle oder Lachs. Nur fünf Prozent des heimischen Fischbedarfs werden durch österreichische Fische abgedeckt. Die aktuellsten Zahlen zur österreichischen Fischproduktion der Statistik Austria stammen aus dem Jahr 2018. In diesem Jahr wurden rund 4000 Tonnen Speisefisch in Österreich produziert. Mit rund 650 Tonnen lag der Karpfen auf Platz drei hinter Forelle und Saibling.

 

Für eine ausgewogene Ernährung ist eine Mindestration von in Fischen enthaltenen Omega-3-Fettsäuren unverzichtbar. Die beinahe CO2-freie Züchtung in den Waldviertler Karpfenteichen machen den Karpfen für Kainz zum „Fisch der Zukunft“. Denn er ernährt sich vorwiegend von Zooplankton, das natürlicherweise in den Teichen vorhanden ist. „Der Karpfen ist ein Naturfisch, er frisst einfach das, was da ist“, sagt Kainz. Daher sei es auch nicht notwendig, Düngemittel, Pestizide, Herbizide oder Medikamente einzusetzen, wie bei der Nahrungsmittelproduktion in der herkömmlichen Landwirtschaft oder in vielen Aquakulturen. Das Getreide, das zugefüttert wird, kann lokal hergestellt werden.

Außerdem lässt sich die Karpfenzucht in vielen Regionen durchführen – nahe am Verbrauer mit geringen Transportwegen.

 

Weitverzweigte Teichlandschaft

 

Die nachhaltige Produktion von hochwertigen Lebensmitteln ist für sich genommen schon eine beachtliche Leistung für eine jahrhundertealte Kulturtradition. Noch erstaunlicher ist, dass der Nutzen der Fischteiche noch viel weitreichender ist. Die weitverzweigte Waldviertler Teichlandschaft liefert essenzielle Beiträge zur Biodiversität.

 

Im Vorjahr warnte der Weltrat für Biodiversität, dass rund eine Million Arten weltweit vom Aussterben bedroht sind. In Österreich steht jede dritte Tier- und Pflanzenart auf der Roten Liste, insbesondere bei Insekten war in den vergangenen Jahren ein rapider Rückgang zu bemerken. Wie die Summ-, Surr- und Brummkulisse von Teichen verrät, sind sie eine üppige Brutstätte für Insekten. Wie viele Insekten genau welcher Teich hervorbringt, untersucht Martin Kainz in einem aktuell laufenden Forschungsprojekt. Beteiligt am Projekt Aquaterr sind die Universität Konstanz und das Forschungszentrum Wasser-Cluster Lunz, an dem Kainz tätig ist. Das Zentrum wird in Kooperation der Donau-Universität Krems, der Universität Wien und der Universität für Bodenkultur Wien geführt und von Land Niederösterreich und Stadt Wien gefördert. Finanziert wird das Projekt

 

vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG.

Jeder Teich ist anders

Die Forscher wollen herausfinden, wie viele Insekten unterschiedliche Teiche hervorbringen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Temperatur? Höhe? Nahrungsangebot? Um das zu untersuchen, haben Kainz und Kollegen neun Teiche ausgewählt, die sich in diesen Faktoren voneinander unterscheiden. An jedem dieser Teiche wurden drei Insektenfallen aufgestellt. Selbst an einem großen Teich wie dem Jägerteich kann man die kleinen weißen Zelte, die auf Schwimmkörpern an verschiedenen Stellen im Teich befestigt sind, gut vom Ufer aus erkennen. Zweimal pro Woche entleeren Kainz’ Mitarbeiterinnen Margaux Mathieu-Resuge und Lena Fehlinger die Fallen. „Wir haben hier ein natürliches Forschungslabor“, sagt Kainz, „jeder Teich ist anders.“ Die Insekten werden anschließend gewogen, gefriergetrocknet und biochemisch analysiert. Zusätzlich steht zweimal pro Woche ein allgemeiner Befindlichkeitscheck der Teiche auf dem Programm: Wie hoch ist ihre Temperatur? Wie steht es um den Sauerstoff- und Chlorophyllgehalt?

 

Wie die ersten Ergebnisse zeigen, bringt der Jägerteich ganze 15 Kilogramm an Insekten pro Tag hervor. Wenn man davon ausgeht, dass Insekten zu rund zehn Prozent aus Fett bestehen, sind das 1,5 Kilogramm an Fett täglich – ein wichtiger Energielieferant für andere Tiere wie Vögel oder Spinnen.

 

Forensischer Nachweis

 

Schließlich geht es darum zu zeigen, dass die Insekten der Teiche entscheidend zur Biodiversität im Umland beitragen. Diese Vermutung ist zwar naheliegend, aber den Nachweis zu erbringen ist keine einfache Aufgabe. „Ich kann einen Vogel ja nicht fragen, ob er tatsächlich Insekten vom See gefressen hat und keine terrestrischen Insekten“, sagt Kainz.

 

Die Forscher bedienen sich daher einer beliebten Methode in der Ökologie: Isotopenuntersuchungen. Das sind Atomarten, die mehr Neutronen im Kern besitzen. Das Wasserstoffisotop Deuterium entsteht natürlich und ist etwa im Niederschlag zu finden – an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher Häufigkeit. Genau diese Eigenschaft machen sich die Forscher für ihren forensischen Insektennachweis zunutze: Sie analysieren beispielsweise die

 

Fettsäuren in Vogeleiern. Chemisch gesehen sind Fettsäuren Verbindungen von Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen. Je nach Ursprungsort sind unterschiedlich viele Deuterium-Isotopen in Fettsäuren zu finden. Wenn essenzielle Fettsäuren gebildet werden, bleibt deren Isotopenverhältnis des Wasserstoffs bestehen und dient somit als Herkunftsnachweis.

 

Ein Teich, 50 Vogelarten

 

Da der Niederschlag beispielsweise in Zwettl ein anderes Deuterium-Verhältnis aufweist als etwa in Waidhofen an der Thaya, können die Forscher daraus Rückschlüsse ziehen, aus welchem Teich die Fettsäuren ursprünglich stammen. Das biochemische Labor in Lunz am See ist das erste der Welt, dem es gelungen ist, Deuterium in Fettsäuren nachzuweisen. So lässt sich etwa an Vögeln oder Spinnen zurückverfolgen, ob sich die Insekten, die sie gefressen haben, von Algen oder Bakterien ernährt haben und auch woher die Insekten stammten.

Noch ist offen, in welchen anderen Forschungsbereichen die revolutionäre Methode ebenfalls eingesetzt werden kann, das Potenzial scheint aber groß. „Vielleicht können wir das einmal in der Medizin nutzen“, sagt Kainz.

 

Allein am Jägerteich sind rund 50 verschiedene Vogelarten bekannt, darunter der seltene Pirol, das Blesshuhn oder der Rohrsänger – die meisten von ihnen fressen aber keine Fische, sondern interessieren sich nur für die hier ansässigen Insekten. „Diese Vögel würde es hier nicht geben, wenn es den Teich nicht geben würde“, sagt Kainz. Genau darin liegt auch ein weiterer großer Mehrwert der Waldviertler Karpfenteiche, der in der Fachwelt als Ökosystemleistungen bezeichnet wird. Gemeint sind Vorteile, die den Menschen aus Ökosystemen erwachsen. Ein Beispiel dafür ist die Bestäubung von Obstbäumen durch Insekten – wenn ausreichend Insekten vorhanden sind, übernehmen diese die Bestäubung zuverlässig und kostenlos. „Was nicht gratis ist, ist der Schutz: Wir müssen auf diese Teiche aufpassen.“

 

 

 

Blässhühner zählen zu den zahlreichen Vogelarten, die am Jägerteich zu finden sind.

 

Bilanz zum Abfischfest

 

Ökosystemleistungen und Artenvielfalt sind stark miteinander verbunden. Sinkt die Artenvielfalt, nehmen auch die Ökosystemleistungen ab. Jeder einzelne der 1700 Waldviertler Teiche leistet einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Biodiversität – die kleinen Hausteiche ebenso wie die großen Fischteiche. Was im Waldviertel als Besonderheit dazukommt, ist die geografische Verteilung der Gewässer. „Wenn es nur ein paar Hotspots der Artenvielfalt gibt, hat man an ein paar Stellen Biodiversität und nirgendwo sonst. Im Waldviertel gibt es diese Teiche sehr weitläufig, wodurch breitflächig eine hohe Biodiversität sichergestellt werden kann“, sagt Kainz.

 

Beim Abfischfest am 24. Oktober wird das Wasser des Teichs großteils abgelassen – alle Fische sind dann an der tiefsten Stelle versammelt. Sie werden händisch sortiert und, haben sie das ausreichende Mindestgewicht, was nach etwa drei Jahren der Fall ist, erreicht, in Frischwasserbottiche umquartiert. Die kleineren Karpfen werden überwintert. Auch für die Forscher ist es dann Zeit, Bilanz zu ziehen und zu eruieren, wie viel Kilogramm Karpfen je Teich über den Sommer produziert worden sind. „Am Ende des Jahres können wir unterschiedliche Teiche vergleichen und feststellen, warum der eine mehr Insekten und ein anderer mehr Karpfen produziert hat. Wir können dann auch Empfehlungen formulieren, wie Karpfenteiche beschaffen sein sollten, um einen optimalen Beitrag zur Biodiversität zu leisten“, sagt Kainz.

 

Labor in der Scheune

 

Vor 13 Jahren kam Kainz zum ersten Mal für ein Forschungsprojekt zum Waidhofener Jägerteich. Die Karpfenzucht wird von einer Familie geführt, die ebenfalls Kainz heißt, die Namensgleichheit ist aber Zufall. Damals hat Martin Kainz nach einem langen Aufenthalt in Kanada gerade erst wieder in der Forschung in Österreich Fuß gefasst. Verunreinigungen in Teichen und Fischen waren damals das Thema. Die Antwort auf die Frage, ob Quecksilber in Waldviertler Karpfen zu finden ist, war rasch gefunden: Nein. Seither haben Kainz viele Projekte an den Jägerteich geführt.

 

In einer Scheune oberhalb des Teiches haben er und seine Kollegen ein kleines Labor eingerichtet, in einem Unterstand sind Bauteile für die Insektenfallen und andere Gerätschaften gelagert. „An Orten wie diesem werden seit 800 Jahren Kulturwerte praktiziert, die es uns ermöglichen, einen Beitrag für die Biodiversität zu leisten und gleichzeitig nachhaltig Nahrungsmittel herzustellen“, sagt Kainz. „Genau diese Werte sollten wir uns in Erinnerung rufen, wenn es um die großen Herausforderungen der Gegenwart geht.“

 

Natürliches Sicherheitsnetz

 

Auch angesichts der Corona-Pandemie hat sich für Kainz gezeigt: „Je höher die Biodiversität ist, desto stärker ist das Sicherheitsnetz – für den Menschen und für die Natur.“ Wissenschafter gehen davon aus, dass der Verlust von Biodiversität die Entstehung von Infektionskrankheiten wahrscheinlicher macht. Rund 30 Prozent dieser Erkrankungen gehen nach Schätzungen auf menschliche Eingriffe in Ökosysteme wie die Abholzung von Regenwald zurück. Das Lehrbuchbeispiel dafür ist die Lyme-Borreliose. Wie Wissenschafter zeigen konnten, war es die Abholzung und Fragmentierung von Wäldern an der US-Ostküste, die dazu führte, dass sich kleine Nagetiere mangels Fressfeinden verstärkt ausbreiten konnten. Diese fungierten als Wirte der Lyme-Erreger, die über Zecken auf Menschen übertragen werden. Ein weiteres gut dokumentiertes Beispiel ist die Zunahme von Malaria um knapp 50 Prozent durch die Abholzung des Amazonas- Regenwalds.

 

Der Mensch ist aber nicht nur Homo oecologicus, er sehnt sich auch nach Schönheit und sinnlichem Genuss. Die Bedeutung von Karpfenteichen beschränkt sich für Martin Kainz daher nicht nur auf die Abdeckung von Grundbedürfnissen.

 

Es ist gleichsam Nahrung für die Seele, beobachten zu können, wie sich Blauflügel-Prachtlibellen zwischen Schilfhalmen über die Wasseroberfläche tummeln, wie Schnatterenten vergnügt am Ufer baden oder ein Silberreiher mit wenigen Flügelschlägen eine Teichbreite überquert. „International gesehen ist der Jägerteich natürlich irrelevant“, sagt Kainz. „Es ist aber für alle wichtig zu sehen, was man mit solchen Teichen machen kann. Sie alle wurden künstlich angelegt und sind ein Musterbeispiel dafür, dass menschliche Eingriffe der Natur und den Ökosystemen auch zugutekommen können – und damit auch uns selbst.“ (Tanja Traxler, 26.8.2020)

 

 

 

 

 

 

NACHHALTIGE ZUKUNFT

Wie Karpfenteiche die Welt besser machen können

Seit Jahrhunderten werden im Waldviertel Fische gezüchtet – mit überraschend positiven Folgen für Mensch, Klima und Umwelt

 

REPORTAGE

Tanja Traxler

  1. August 2020, 06:00 225 Postings

 

 

 

 

Der Jägerteich in Waidhofen an der Thaya ist einer der ältesten Karpfenteiche im Waldviertel. Um die 50 Vogelarten haben sich in seiner Umgebung angesiedelt.

 

Das trübe Teichwasser gibt seine Bewohner nicht preis. Wenn man das Bein knietief ins Wasser steckt, ist der eigene Fuß schon nicht mehr zu sehen. So kommt man zumindest weniger in Versuchung, hier Abkühlung an einem heißen Sommertag zu suchen. Dafür ist dieses Gewässer auch gar nicht gedacht: Es ist das Reich der Waldviertler Karpfen.

 

Martin Kainz steht neben einem alten Ruderboot am Ufer des Jägerteichs in Waidhofen an der Thaya im nördlichen Niederösterreich. Rund 1700 Teiche sind im Waldviertel zu finden, doch der Jägerteich ist besonders: Vor 800 Jahren angelegt, zählt er zu den ältesten Teichen der Region, mit einer Fläche von 40 Hektar hat er auch eine beachtliche Größe. Und er ist ausnehmend schö

 

 

Komplizierte Probleme, einfache Antworten

 

Das ist aber nicht der Grund, der Martin Kainz heute an den Jägerteich führt. Im Kleinen geht es darum, das Insektenaufkommen in diesem Biotop zu messen. Das Leben im und um den Karpfenteich berührt aber auch ganz große Themen: Klimawandel und Artensterben, unsere Lebensweisen, Wirtschaftssysteme und sogar die Corona-Krise.

 

Die Fragen, die dabei verhandelt werden, sind vielgestaltig: Wie können wir die Erderwärmung auf ein verträgliches Ausmaß begrenzen und trotzdem die Ernährung der Weltbevölkerung sicherstellen? Lässt sich die Biodiversität bewahren? Wie lassen sich künftige Pandemien vermeiden? Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind komplex, doch manchmal können die Antworten überraschend einfach sein. Wie ein trüber Teich im Waldviertel und eine mit ihm verbundene jahrhundertealte Kulturtradition.

 

Fressen und gefressen werden

 

Martin Kainz ist Wasserforscher und Ökologe, sein Spezialgebiet wird in der Fachwelt aquatische Nahrungsketten genannt. Salopp könnte man es als „Fressen und Gefressenwerden im Wasser“ bezeichnen. Es geht darum, wovon sich die unterschiedlichen im Wasser lebenden Spezies ernähren und welchen Arten sie wiederum als Nahrung dienen. Viele der Fress-Ketten, die Kainz betrachtet, haben denselben Endpunkt: Tiere aus Flüssen, Seen und Meeren waren von jeher eine wichtige Nahrungsquelle für die Menschen.

 

Die Karpfenzucht hat im nördlichen Niederösterreich eine lange Tradition. Bereits im 13. Jahrhundert wurden erste Teiche im nördlichen Weinviertel angelegt, schon bald auch im Waldviertel. Über die Jahrhunderte hat die Karpfenzucht

 

einige Höhenflüge und Talfahrten erlebt. Eine frühe Expansionsphase erfuhr die Teichwirtschaft im 15. Jahrhundert – den Geboten der Kirche, die Fisch als Fastenspeise einstuften, sei Dank.

 

Auf und Ab der Teichwirtschaft

 

Überdimensionierte und fehlgeplante Teiche sowie die Aufhebung des Fastengebots führten im 16. und 17. Jahrhundert zu einem Einbruch der Fischzucht. Nach langem Auf und Ab erlebte die Teichwirtschaft in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen Aufschwung. Aufgrund allgemeiner Lebensmittelknappheit, insbesondere von Fleisch, wurden ab den 1950er-Jahren zahlreiche Karpfenteiche im Waldviertel errichtet.

 

Aus jener Zeit stammen wohl auch kulinarische Traumata, durch die dem einst obligatorischen Weihnachtskarpfen bis heute ein modriger Geschmack zugeschrieben wird. Während die Fische damals nur ein paar Tage lang in der Badewanne vor Heiligabend plantschten, verbringen Karpfen heutzutage ihre letzten Wochen in Frischwasserbecken, wodurch sie ihren schlammigen Geschmack völlig verlieren. Richtig filetiert, ist der Karpfen zudem beinahe grätenfrei.

Trotz seiner nachhaltigen Produktion zählt der Karpfen bei weitem nicht zu den beliebtesten Speisefischen in Österreich.

 

Fisch mit Imageproblem

 

Nichtsdestoweniger hat der Speisefisch ein gewisses Imageproblem und kommt hierzulande weniger häufig auf dem Teller als seine maritimen Verwandten. Rund 95 Prozent der in Österreich verzehrten Fische werden aus dem Ausland

 

importiert, darunter Dorsch, Seelachs, Scholle oder Lachs. Nur fünf Prozent des heimischen Fischbedarfs werden durch österreichische Fische abgedeckt. Die aktuellsten Zahlen zur österreichischen Fischproduktion der Statistik Austria stammen aus dem Jahr 2018. In diesem Jahr wurden rund 4000 Tonnen Speisefisch in Österreich produziert. Mit rund 650 Tonnen lag der Karpfen auf Platz drei hinter Forelle und Saibling.

 

Für eine ausgewogene Ernährung ist eine Mindestration von in Fischen enthaltenen Omega-3-Fettsäuren unverzichtbar. Die beinahe CO2-freie Züchtung in den Waldviertler Karpfenteichen machen den Karpfen für Kainz zum „Fisch der Zukunft“. Denn er ernährt sich vorwiegend von Zooplankton, das natürlicherweise in den Teichen vorhanden ist. „Der Karpfen ist ein Naturfisch, er frisst einfach das, was da ist“, sagt Kainz. Daher sei es auch nicht notwendig, Düngemittel, Pestizide, Herbizide oder Medikamente einzusetzen, wie bei der Nahrungsmittelproduktion in der herkömmlichen Landwirtschaft oder in vielen Aquakulturen. Das Getreide, das zugefüttert wird, kann lokal hergestellt werden.

Außerdem lässt sich die Karpfenzucht in vielen Regionen durchführen – nahe am Verbrauer mit geringen Transportwegen.

 

Weitverzweigte Teichlandschaft

 

Die nachhaltige Produktion von hochwertigen Lebensmitteln ist für sich genommen schon eine beachtliche Leistung für eine jahrhundertealte Kulturtradition. Noch erstaunlicher ist, dass der Nutzen der Fischteiche noch viel weitreichender ist. Die weitverzweigte Waldviertler Teichlandschaft liefert essenzielle Beiträge zur Biodiversität.

 

Im Vorjahr warnte der Weltrat für Biodiversität, dass rund eine Million Arten weltweit vom Aussterben bedroht sind. In Österreich steht jede dritte Tier- und Pflanzenart auf der Roten Liste, insbesondere bei Insekten war in den vergangenen Jahren ein rapider Rückgang zu bemerken. Wie die Summ-, Surr- und Brummkulisse von Teichen verrät, sind sie eine üppige Brutstätte für Insekten. Wie viele Insekten genau welcher Teich hervorbringt, untersucht Martin Kainz in einem aktuell laufenden Forschungsprojekt. Beteiligt am Projekt Aquaterr sind die Universität Konstanz und das Forschungszentrum Wasser-Cluster Lunz, an dem Kainz tätig ist. Das Zentrum wird in Kooperation der Donau-Universität Krems, der Universität Wien und der Universität für Bodenkultur Wien geführt und von Land Niederösterreich und Stadt Wien gefördert. Finanziert wird das Projekt

 

vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG.

Jeder Teich ist anders

Die Forscher wollen herausfinden, wie viele Insekten unterschiedliche Teiche hervorbringen und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Temperatur? Höhe? Nahrungsangebot? Um das zu untersuchen, haben Kainz und Kollegen neun Teiche ausgewählt, die sich in diesen Faktoren voneinander unterscheiden. An jedem dieser Teiche wurden drei Insektenfallen aufgestellt. Selbst an einem großen Teich wie dem Jägerteich kann man die kleinen weißen Zelte, die auf Schwimmkörpern an verschiedenen Stellen im Teich befestigt sind, gut vom Ufer aus erkennen. Zweimal pro Woche entleeren Kainz’ Mitarbeiterinnen Margaux Mathieu-Resuge und Lena Fehlinger die Fallen. „Wir haben hier ein natürliches Forschungslabor“, sagt Kainz, „jeder Teich ist anders.“ Die Insekten werden anschließend gewogen, gefriergetrocknet und biochemisch analysiert. Zusätzlich steht zweimal pro Woche ein allgemeiner Befindlichkeitscheck der Teiche auf dem Programm: Wie hoch ist ihre Temperatur? Wie steht es um den Sauerstoff- und Chlorophyllgehalt?

 

Wie die ersten Ergebnisse zeigen, bringt der Jägerteich ganze 15 Kilogramm an Insekten pro Tag hervor. Wenn man davon ausgeht, dass Insekten zu rund zehn Prozent aus Fett bestehen, sind das 1,5 Kilogramm an Fett täglich – ein wichtiger Energielieferant für andere Tiere wie Vögel oder Spinnen.

 

Forensischer Nachweis

 

Schließlich geht es darum zu zeigen, dass die Insekten der Teiche entscheidend zur Biodiversität im Umland beitragen. Diese Vermutung ist zwar naheliegend, aber den Nachweis zu erbringen ist keine einfache Aufgabe. „Ich kann einen Vogel ja nicht fragen, ob er tatsächlich Insekten vom See gefressen hat und keine terrestrischen Insekten“, sagt Kainz.

 

Die Forscher bedienen sich daher einer beliebten Methode in der Ökologie: Isotopenuntersuchungen. Das sind Atomarten, die mehr Neutronen im Kern besitzen. Das Wasserstoffisotop Deuterium entsteht natürlich und ist etwa im Niederschlag zu finden – an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher Häufigkeit. Genau diese Eigenschaft machen sich die Forscher für ihren forensischen Insektennachweis zunutze: Sie analysieren beispielsweise die

 

Fettsäuren in Vogeleiern. Chemisch gesehen sind Fettsäuren Verbindungen von Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen. Je nach Ursprungsort sind unterschiedlich viele Deuterium-Isotopen in Fettsäuren zu finden. Wenn essenzielle Fettsäuren gebildet werden, bleibt deren Isotopenverhältnis des Wasserstoffs bestehen und dient somit als Herkunftsnachweis.

 

Ein Teich, 50 Vogelarten

 

Da der Niederschlag beispielsweise in Zwettl ein anderes Deuterium-Verhältnis aufweist als etwa in Waidhofen an der Thaya, können die Forscher daraus Rückschlüsse ziehen, aus welchem Teich die Fettsäuren ursprünglich stammen. Das biochemische Labor in Lunz am See ist das erste der Welt, dem es gelungen ist, Deuterium in Fettsäuren nachzuweisen. So lässt sich etwa an Vögeln oder Spinnen zurückverfolgen, ob sich die Insekten, die sie gefressen haben, von Algen oder Bakterien ernährt haben und auch woher die Insekten stammten.

Noch ist offen, in welchen anderen Forschungsbereichen die revolutionäre Methode ebenfalls eingesetzt werden kann, das Potenzial scheint aber groß. „Vielleicht können wir das einmal in der Medizin nutzen“, sagt Kainz.

 

Allein am Jägerteich sind rund 50 verschiedene Vogelarten bekannt, darunter der seltene Pirol, das Blesshuhn oder der Rohrsänger – die meisten von ihnen fressen aber keine Fische, sondern interessieren sich nur für die hier ansässigen Insekten. „Diese Vögel würde es hier nicht geben, wenn es den Teich nicht geben würde“, sagt Kainz. Genau darin liegt auch ein weiterer großer Mehrwert der Waldviertler Karpfenteiche, der in der Fachwelt als Ökosystemleistungen bezeichnet wird. Gemeint sind Vorteile, die den Menschen aus Ökosystemen erwachsen. Ein Beispiel dafür ist die Bestäubung von Obstbäumen durch Insekten – wenn ausreichend Insekten vorhanden sind, übernehmen diese die Bestäubung zuverlässig und kostenlos. „Was nicht gratis ist, ist der Schutz: Wir müssen auf diese Teiche aufpassen.“

 

 

 

Blässhühner zählen zu den zahlreichen Vogelarten, die am Jägerteich zu finden sind.

 

Bilanz zum Abfischfest

 

Ökosystemleistungen und Artenvielfalt sind stark miteinander verbunden. Sinkt die Artenvielfalt, nehmen auch die Ökosystemleistungen ab. Jeder einzelne der 1700 Waldviertler Teiche leistet einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Biodiversität – die kleinen Hausteiche ebenso wie die großen Fischteiche. Was im Waldviertel als Besonderheit dazukommt, ist die geografische Verteilung der Gewässer. „Wenn es nur ein paar Hotspots der Artenvielfalt gibt, hat man an ein paar Stellen Biodiversität und nirgendwo sonst. Im Waldviertel gibt es diese Teiche sehr weitläufig, wodurch breitflächig eine hohe Biodiversität sichergestellt werden kann“, sagt Kainz.

 

Beim Abfischfest am 24. Oktober wird das Wasser des Teichs großteils abgelassen – alle Fische sind dann an der tiefsten Stelle versammelt. Sie werden händisch sortiert und, haben sie das ausreichende Mindestgewicht, was nach etwa drei Jahren der Fall ist, erreicht, in Frischwasserbottiche umquartiert. Die kleineren Karpfen werden überwintert. Auch für die Forscher ist es dann Zeit, Bilanz zu ziehen und zu eruieren, wie viel Kilogramm Karpfen je Teich über den Sommer produziert worden sind. „Am Ende des Jahres können wir unterschiedliche Teiche vergleichen und feststellen, warum der eine mehr Insekten und ein anderer mehr Karpfen produziert hat. Wir können dann auch Empfehlungen formulieren, wie Karpfenteiche beschaffen sein sollten, um einen optimalen Beitrag zur Biodiversität zu leisten“, sagt Kainz.

 

Labor in der Scheune

 

Vor 13 Jahren kam Kainz zum ersten Mal für ein Forschungsprojekt zum Waidhofener Jägerteich. Die Karpfenzucht wird von einer Familie geführt, die ebenfalls Kainz heißt, die Namensgleichheit ist aber Zufall. Damals hat Martin Kainz nach einem langen Aufenthalt in Kanada gerade erst wieder in der Forschung in Österreich Fuß gefasst. Verunreinigungen in Teichen und Fischen waren damals das Thema. Die Antwort auf die Frage, ob Quecksilber in Waldviertler Karpfen zu finden ist, war rasch gefunden: Nein. Seither haben Kainz viele Projekte an den Jägerteich geführt.

 

In einer Scheune oberhalb des Teiches haben er und seine Kollegen ein kleines Labor eingerichtet, in einem Unterstand sind Bauteile für die Insektenfallen und andere Gerätschaften gelagert. „An Orten wie diesem werden seit 800 Jahren Kulturwerte praktiziert, die es uns ermöglichen, einen Beitrag für die Biodiversität zu leisten und gleichzeitig nachhaltig Nahrungsmittel herzustellen“, sagt Kainz. „Genau diese Werte sollten wir uns in Erinnerung rufen, wenn es um die großen Herausforderungen der Gegenwart geht.“

 

Natürliches Sicherheitsnetz

 

Auch angesichts der Corona-Pandemie hat sich für Kainz gezeigt: „Je höher die Biodiversität ist, desto stärker ist das Sicherheitsnetz – für den Menschen und für die Natur.“ Wissenschafter gehen davon aus, dass der Verlust von Biodiversität die Entstehung von Infektionskrankheiten wahrscheinlicher macht. Rund 30 Prozent dieser Erkrankungen gehen nach Schätzungen auf menschliche Eingriffe in Ökosysteme wie die Abholzung von Regenwald zurück. Das Lehrbuchbeispiel dafür ist die Lyme-Borreliose. Wie Wissenschafter zeigen konnten, war es die Abholzung und Fragmentierung von Wäldern an der US-Ostküste, die dazu führte, dass sich kleine Nagetiere mangels Fressfeinden verstärkt ausbreiten konnten. Diese fungierten als Wirte der Lyme-Erreger, die über Zecken auf Menschen übertragen werden. Ein weiteres gut dokumentiertes Beispiel ist die Zunahme von Malaria um knapp 50 Prozent durch die Abholzung des Amazonas- Regenwalds.

 

Der Mensch ist aber nicht nur Homo oecologicus, er sehnt sich auch nach Schönheit und sinnlichem Genuss. Die Bedeutung von Karpfenteichen beschränkt sich für Martin Kainz daher nicht nur auf die Abdeckung von Grundbedürfnissen.

 

Es ist gleichsam Nahrung für die Seele, beobachten zu können, wie sich Blauflügel-Prachtlibellen zwischen Schilfhalmen über die Wasseroberfläche tummeln, wie Schnatterenten vergnügt am Ufer baden oder ein Silberreiher mit wenigen Flügelschlägen eine Teichbreite überquert. „International gesehen ist der Jägerteich natürlich irrelevant“, sagt Kainz. „Es ist aber für alle wichtig zu sehen, was man mit solchen Teichen machen kann. Sie alle wurden künstlich angelegt und sind ein Musterbeispiel dafür, dass menschliche Eingriffe der Natur und den Ökosystemen auch zugutekommen können – und damit auch uns selbst.“ (Tanja Traxler, 26.8.2020)

 

 

 

 

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