Die EIFAAC (European Inland Fisheries and Aquaculture Advisory Commission) hat die Ergebnisse der Erfassung von Kormoranschäden in Europa veröffentlic
Der Bericht bewertet den Kormoran nicht mehr lediglich als lokales fischereiliches Konfliktthema, sondern als europaweiten, erheblichen ökologischen und ökonomischen Belastungsfaktor
Für Deutschland beziffert der Bericht die fischereilichen Schäden auf mehr als 35 Mio. € jährlich und sieht trotz rund 20.000 getöteter Kormorane pro Jahr weiterhin erheblichen Handlungsbedarf für ein koordiniertes europäisches Bestandsmanagement.
Die am 12/08/2026 veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Kormorane in Europa erhebliche wirtschaftliche Schäden in Binnenfischerei und Aquakultur verursachen. Berücksichtigt werden nicht nur unmittelbar gefressene Fische, sondern auch Verletzungen, Stress, verringerte Nahrungsaufnahme und Wachstumseinbußen sowie zusätzliche Aufwendungen für Vergrämung, Netze, Bewachung und Besatz. Für die Schadensberechnung wird grundsätzlich mit 0,5 kg Fischaufnahme je Kormoran und Tag, einem durchschnittlichen Fischwert von 4 €/kg sowie einem zusätzlichen Stressfaktor von 25 % gerechnet. Daraus ergeben sich modellhaft 2,50 € Schaden je Kormoran und Tag.
Für die 26 untersuchten Staaten werden rund 825.000 Brutvögel und 843.000 Nichtbrüter/Wintergäste angegeben. Die auf dieser Basis ermittelten Schäden an Fischbeständen belaufen sich auf rund 672 Mio. € jährlich.
Die wichtigsten europäischen Größenordnungen sind: Aquakultur: mindestens rund 138 Mio. € dokumentierte Schäden/Jahr; unter Einbeziehung nicht oder unvollständig erfasster Länder schätzt der Bericht den tatsächlichen europäischen Schaden auf etwa 250 Mio. €/Jahr. Besonders betroffen sind Teichwirtschaften. Übliche Produktionsverluste liegen bei 10–30 %, in Extremfällen deutlich höher. Binnenfischerei einschließlich Angelfischerei: geschätzt 150–220 Mio. €/Jahr, zentraler Schätzwert etwa 180 Mio. €. Das entspräche 21–31 % des Anlandewertes der europäischen Binnenfischerei.
Die tatsächlich gezahlten Entschädigungen decken nach Schätzung der Studie lediglich 4–6 % der wirtschaftlichen Verluste.Die FAO/EIFAAC empfiehlt deshalb ausdrücklich einen koordinierten europäischen Kormoran-Managementplan, vereinheitlichtes Monitoring, einfachere Verfahren für Managementmaßnahmen sowie bessere Entschädigungsregelungen.
Zentrale Aussagen für Deutschland
Deutschland ist ein bedeutendes Durchzugs- und Verteilungsgebiet. Kormoranbestand (Jungvögel, Nichtbrüter und Durchzügler NICHT enthalten):
2023 – ca. 24.517 Brutpaare (= ~ 49.034 adulte Brutvögel)
2024 – ca. 22.230 Brutpaare (= ~ 44.460 adulte Brutvögel)
Mecklenburg-Vorpommern beherbergt etwa die Hälfte des deutschen Brutbestandes.
Für die Winterpopulation werden 2023 modellhaft (die jeweiligen Mittwinterzahlen Mecklenburg-Vorpommerns wurden verdoppelt, um eine nationale Größenordnung zu erhalten) etwa 31.334 Kormorane und 2024 ca. 41.024 Kormorane angesetzt.
Aus den angenommenen Vogelzahlen errechnen sich
→ mindestens 5.100 t gefressener Fisch/Jahr
→ rund 14 t Fisch pro Tag
→ geschätzter Wert der Fischverluste: 25,3 Mio. € für 2023; 25,8 Mio. € für 2024
Der Bericht hält diese Werte ausdrücklich für wahrscheinlich deutlich zu niedrig, unter anderem weil Durchzügler und Teile der Nichtbrüterpopulation nicht vollständig berücksichtigt werden.
Teichwirtschaft und Aquakultur
Deutschland verfügt laut Bericht insgesamt über etwa 40.000 ha Teichfläche (einschl. extensiv oder nur teilweise genutzter Teiche) und etwa 20.735 ha aktiv bewirtschaftete Aquakulturteiche. Sieben Teichwirtschaften aus fünf Bundesländern lieferten detaillierte Daten. Zusammen bewirtschafteten sie 2.587 ha und produzierten mehr als 1.300 t Fisch pro Jahr.
Gemeldet wurden:
10–30 % der Fische durch Kormorane getötet,
zusätzlich bis zu 25 % beschädigte/verletzte Fische,
Einkommensverluste zwischen 31.000 und 200.000 € je Betrieb/Jahr (durchschnittlich 115.000 €) --> insgesamt 803.000 € Einkommensverlust im Jahr 2024 bei den sieben Betrieben --> hochgerechnet auf gesamte aktive deutsche Teichfläche: 6,4 Mio. € Einkommensverluste pro Jahr für die deutsche Teichwirtschaft.
rund 72 €/ha für Vergrämung, Abschuss, Netze sowie optische und akustische Schutzmaßnahmen --> hochgerechnet 1,5 Mio. € Präventions- und Abwehrkosten pro Jahr.In der europäischen Vergleichstabelle werden für Deutschland 27 Mio. € Schäden der Binnen-/Angelfischerei, mehr als 35 Mio. € Schäden an Binnenfischbeständen insgesamt sowie erhebliche zusätzliche Präventionsausgaben ausgewiesen. Dabei sind Schäden an Küsten- und Meeresfischbeständen ausdrücklich noch nicht enthalten.
Deutschland gehört damit innerhalb der Studie zu den wirtschaftlich stärker betroffenen Staaten. Weiterhin zählt die Studie Deutschland ausdrücklich zu den Staaten, in denen Kormoranprädation zur Aufgabe von Teichwirtschaften bzw. zur Verringerung der Besatzdichten und Extensivierung der Produktion beigetragen habe.
Angelfischerei
Es wurden Angaben von 49 Angelvereinen ausgewertet, die zusammen 11.370 ha Gewässer bewirtschaften. Die Vereine berichteten Kormoranschäden unter anderem bei Plötze, Barsch, Aal, Zander, Bach- und Regenbogenforelle, Äsche, Coregonen, Barbe, Rotfeder, Schleie und Hecht. Mehrere Vereine gaben an, 75–100 % der Fischverluste auf Kormoranprädation zurückzuführen. Besonders hervorgehoben werden Verluste mittlerer Altersklassen sowie Bestandsrückgänge von Äschen und Coregonen. Für zusätzlichen Besatz, Vergrämung, Monitoring und Fischunterstände ergaben sich im Mittel 97 €/ha (2023 gut 1 Mio. €; 2024 rund 1,2 Mio. €) an kormoranbezogenen Aufwendungen bzw. Schäden. 97 €/ha auf die deutschlandweit durch Angelvereine bewirtschafte Gewässerfläche von >275.000 ha übertragen führt zu rund 27 Mio. € Kormoranschaden pro Jahr für die deutsche Binnen-Angelfischerei.
Management und Entschädigungen in Deutschland
Der Bericht nennt für Deutschland etwa 20.000 getötete Kormorane in der Jagdsaison 2023/24. Gleichzeitig wird festgestellt, dass die Probleme der Fischprädation trotz dieser Eingriffe fortbestehen.
Bund und Länder gaben 2024 insgesamt 5,24 Mio. € für Prävention und Ausgleich von Wildtierschäden an Binnenfischbeständen aus. Der Bericht geht davon aus, dass davon der überwiegende Teil mit Kormoranschäden zusammenhängt, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass dies eine Ableitung und keine separat ausgewiesene Kormoranstatistik ist.
Einordnung der Zahlen
Die Ergebnisse sind politisch sehr relevant, sollten aber nicht mit einer vollständig statistisch abgesicherten bundesweiten Schadensbilanz verwechselt werden.
Gerade für Deutschland beruhen wesentliche Hochrechnungen auf relativ kleinen Stichproben (7 Aquakulturbetriebe für die Hochrechnung auf 20.735 ha Teichfläche, 49 Angelvereine für die Hochrechnung auf 275.000 ha, Winterbestände aus MV auf ganz Deutschland hochgerechnet).
Bei vielen europäischen Daten kommen neben Messungen und Betriebsdaten auch Experteneinschätzungen zum Einsatz.
Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass die Datenqualität zwischen sehr detaillierten Betriebsaufzeichnungen und bloßen Schätzungen erheblich schwankt und die Methodik künftig verbessert werden müsse.
Besonders wichtig ist außerdem: Die verschiedenen deutschen Schadenswerte dürfen nicht einfach addiert werden. Die rund 25,8 Mio. € aus dem populationsbasierten Verbrauchsmodell, die 27 Mio. € Hochrechnung für die Angelfischerei und die 6,4 Mio. € für die Teichwirtschaft beruhen auf unterschiedlichen Ansätzen und überschneiden sich teilweise. Die vom Bericht selbst gezogene zusammenfassende Größe „mehr als 35 Mio. € jährlich“ ist deshalb die sinnvollste Zahl, wenn man die Aussage der FAO/EIFAAC für Deutschland zitieren möchte.